Ein Rundgang durch ein Haus, das es noch nicht gibt
Wie viel von eurer Wohnung benutzt ihr eigentlich wirklich? Und wie viel davon steht die meiste Zeit einfach herum?
Wir stellen uns diese Frage seit ein paar Jahren ziemlich oft. Wenn man ein Haus für rund 85 Menschen plant, merkt man schnell: Viele Dinge, die jede Wohnung für sich besitzt, werden selten gebraucht. Und viele Begegnungen, die eine Nachbarschaft ausmachen, passieren nicht verabredet, sondern nebenbei. Beides lässt sich planen. Zumindest ein bisschen.
Also kommt mit auf einen kleinen Rundgang durch unser Kettenhaus im Tobias-Mayer-Quartier. Es steht noch nicht, und manches wird sich in der Planung noch verschieben. Aber die Ideen dahinter stehen schon ziemlich fest.
Der Platz vor dem Haus
Erinnert ihr euch an das Bänkle vor dem Haus?
Viele von uns kennen es noch von den Großeltern. Abends saß dort jemand, ganz ohne Termin. Wer vorbeikam, blieb kurz stehen. Man erfuhr, wer krank war, wessen Enkel zu Besuch kam und dass es morgen Regen gibt. Die Kinder spielten auf der Straße, und irgendjemand hatte immer ein Auge auf sie.
Heute stehen vor vielen Häusern Mülltonnen, Briefkästen und ein Schild, das bittet, die Einfahrt freizuhalten. Ordentlich, aber stumm. Man kommt an, schließt auf und ist weg.
Wir wollen das Bänkle zurückholen. Vor unserem Haus liegt das Gartenfeld, das dem ganzen Quartier offensteht. Dort wünschen wir uns Bänke, Beete und einen Eingang, der eher „Komm rein“ sagt als „Bitte klingeln“. Einen Ort, an dem man stehen bleiben darf, ohne einen Grund zu brauchen. Die Bank vor dem Haus ist vielleicht das unterschätzteste Möbelstück der Stadtplanung. Sie kostet wenig und kann viel: Sie macht aus Vorbeigehenden Nachbar*innen.

Laubengang und Ecken in den Fluren
Bei uns ist der Flur kein Ort, durch den man möglichst schnell hindurchgeht. Unsere Erschließung, zum großen Teil als außenliegender Laubengang, ist Weg und Freisitz zugleich. Hier dürfen Stühle stehen, (winterharte) Pflanzen und auch mal ein Tisch. Beim Planen achten wir deshalb auf etwas, das in keiner Bauordnung vorkommt: Ecken. Kleine Nischen, in die zwei Stühle und ein Tischchen passen. Im Treppenhaus grüßt man sich. In so einer Ecke bleibt man sitzen, und plötzlich wird aus „Hallo“ ein Gespräch.

Das Schwarze Brett
In unserem Konzeptpapier steht ein Satz, den wir besonders mögen: Wer eine Kiste Äpfel in den Hausflur stellt, tut das, damit die anderen etwas davon haben. Nicht, um zum Apfelkuchen eingeladen zu werden. Genau dafür braucht es einen Ort im Eingang: ein Regal zum Teilen und ein Schwarzes Brett für Zettel wie „Wer hat einen Akkuschrauber?“ oder „Heute 18 Uhr Kürbissuppe, Topf reicht für zehn“.
In anderen Hausprojekten haben wir dort schon Wunderbares gefunden. Einen Zettel von Kindern, die einen Einkaufsservice anboten: Edeka 1 Euro, Alnatura 2 Euro (weil weiter weg). Oder eine Wanderroute auf der Alb, darunter der Satz: Wer mitkommen will, ist Samstag um halb neun an der Haustür. Das Schwarze Brett ist das soziale Netzwerk des Hauses. Ohne Algorithmus, dafür mit Reißzwecken.

Die Waschküche
Mal ehrlich: Würdet ihr eure Waschmaschine mit den Nachbar*innen teilen?
Für die meisten klingt das nach Studentenwohnheim, Münzautomat und fremden Socken in der Trommel. Für uns ist es der Plan. Standardmäßig gibt es in den Wohnungen keine Waschmaschinenanschlüsse, dafür eine gemeinsame Waschküche. Wer gute Gründe hat, etwa weil Treppen und volle Wäschekörbe schwerfallen, bekommt trotzdem einen eigenen Anschluss. Teilen soll entlasten, nicht ausschließen.
Die nüchternen Gründe liegen auf der Hand: Statt einer Maschine pro Wohnung, die die meiste Zeit stillsteht, reichen wenige. Das spart Geld, Platz und Energie. Der eigentliche Grund ist ein anderer. Die Waschküche ist einer der wenigen Orte, an denen man sich begegnet, ohne sich zu verabreden. Deshalb soll es dort eine Kaffeemaschine und ein paar Stühle geben. Nicht, um den Vollwaschgang abzusitzen, sondern für die fünf Minuten, die sich ergeben, wenn man sich zufällig trifft. Man kann bleiben. Man muss aber nicht.
Und manchmal erfährt man dabei, dass der Nachbar aus dem zweiten Stock Fahrräder reparieren kann.

Das Gemeinschaftsbad
Wann hattet ihr euer letztes Vollbad?
In vielen Wohnungen steht die Badewanne vor allem im Weg. Man duscht darin, stapelt Wäsche darauf und nimmt sich jeden Winter vor, mal wieder richtig zu baden. Dafür zahlt man Monat für Monat ein paar Quadratmeter Miete.
Wir planen deshalb anders: In den Wohnungen gibt es Duschen, dazu ein gemeinsames Bad mit großer Wanne. Für Kinder, die baden müssen oder wollen, und für alle, die nach einem langen Tag einfach abtauchen möchten. So wird die Wanne wieder, was sie sein soll: ein Luxus. Und zwar einer, den sich allein kaum jemand leisten würde: eine Wanne, in der man sich ausstrecken kann, und Ruhe, so lange das Wasser warm ist. Luxus heißt für uns nicht, eine Badewanne zu besitzen. Sondern ein schönes Bad zu nehmen, wenn man es braucht.
Spätestens jetzt kommt garantiert die Frage: Und wer putzt? Wie hinterlassen die anderen das Bad? Ehrlich gesagt wissen wir das noch nicht genau. Was wir aber wissen: Wir pflegen im Haus einen Umgang, in dem man über genau solche Fragen sprechen kann, bis eine Lösung gefunden ist, mit der alle gut leben können. Andere Hausprojekte haben das sehr gut hinbekommen. Das schaffen wir auch.
Und falls die Wanne am Sonntagabend doch einmal besetzt ist, bleibt immer noch das Merkel’sche Bad.

Werkstatt
Wie viele Bohrmaschinen gibt es in eurer Straße?
Vermutlich eine pro Haushalt. Die meisten liegen im Keller und warten auf das nächste Bild, das an die Wand will. Die Bohrmaschine ist das Lieblingsbeispiel, wenn es ums Teilen geht. Für uns ist sie erst der Anfang.
Wir planen eine gemeinsame Werkstatt, ebenerdig und von außen zugänglich. Dort darf jede*r auch die eigenen Maschinen unterbringen, mit einer einfachen Ampel:
Grün: Darf jede*r nehmen.
Gelb: Nur nach Einweisung und Rücksprache.
Rot: Finger weg.
So kann auch die heilige Kreissäge umziehen, ohne dass jemand nachts schlecht schläft. Und die Bohrmaschine hängt grün markiert an der Wand, bereit fürs nächste Bild. Am Ende steht allen eine Werkstatt zur Verfügung, wie sie keine*r allein einrichten würde. Dazu gibt es etwas, das in keinem Baumarkt im Regal liegt: die Nachbarin, die zeigt, wie man eine Fliese sauber schneidet.
Rot heißt bei uns übrigens nicht Misstrauen. Meistens heißt es: Das hat schon meinem Opa gehört.

Der Gemeinschaftsraum
Im Erdgeschoss, zum Gartenfeld hin, soll unser größter gemeinsamer Raum entstehen. Wir nennen ihn „Lebensraum“, ein großes Wort für etwas, das im Alltag vor allem eines sein soll: benutzt. Vormittags Krabbelgruppe, nachmittags Hausaufgaben, abends Plenum oder Fußball, am Wochenende Kuchen. Und immer wieder steht die Tür auch für das Quartier offen. In diesem Raum stecken so viele Gedanken, dazu kommt bald mal ein eigener Artikel.
Die Dachterrasse
Wem gehört in eurem Haus das Dach?
In vielen neuen Häusern lautet die Antwort: dem Penthouse. Die schönste Fläche mit dem weitesten Blick gehört denen, die sie sich leisten können. Alle anderen wohnen darunter.
Bei uns gehört die beste Fläche des Hauses allen. Wir nennen sie die Wolkenloggia, und sie wird groß genug für beides. Es gibt Bereiche zum Zusammenkommen, für Geburtstage, Grillabende und lange Sommernächte. Und es gibt eine Art Wandelgarten mit kleinen Separees, in die man sich mit einem Buch zurückziehen kann, wenn einem nach Ruhe ist. So etwas könnte sich niemand von uns allein leisten. Es geht nur, weil wir teilen.
Und dann ist da noch ein Traum, den wir nicht verschweigen wollen: eine Fasssauna. Mit Blick über die Dächer von Esslingen, an einem kalten Januarabend. Ob er sich erfüllt, wissen wir noch nicht. Träumen kostet zum Glück keine Miete.
Ein Penthouse haben wir also auch. Es wohnen nur rund 85 Menschen drin.

Was wir dabei lernen
Gemeinschaft lässt sich nicht bauen. Aber man kann Räume bauen, in denen sie wahrscheinlicher wird. Orte, an denen man sich begegnet, ohne sich zu verabreden. Wo der Weg zur Waschmaschine zufällig an der Ecke vorbeiführt, in der gerade jemand sitzt.
Und ja: Wer teilt, muss sich einigen. Über die gelb markierte Kreissäge, über die Badewanne am Sonntagabend, über die Duftkerze im Gemeinschaftsbad. Das wird nicht immer reibungslos. Aber ein Haus, in dem man sich ab und zu einigen muss, ist auch ein Haus, in dem man miteinander redet.
Und ihr? Was würdet ihr teilen, und wo hört es für euch auf? Schreibt uns, wir sind gespannt.